

The Charter for Biodiversity in Englisch, French, Spanish and Italien can be downloaded here
Das zentrale Prinzip der neuen Methoden qualitätsorientierten Weinbaus basiert auf der gezielten Förderung der Biodiversität. Dies jedoch erklärt sich nur indirekt aus der eher ästhetischen Vorgabe, dass es im Weinberg nach Blüten duften soll und dass Grasshüpfer springen, sondern vor allem daraus, dass der Weinberg als ein Ökosystem begriffen wird, dessen flexible Balance erst durch die komplexe Vernetzung der hohen biologischen Vielfalt entsteht. Die Anwesenheit zahlreicher Schmetterlingsarten, Käfer, Wildbienen und Vögel gilt daher auch nur als das sichtbarste Zeichen dafür, dass das Gesamtsystem wieder in ein gesundes Fliessgleichgewicht rückt. Das Hauptziel der Biodiversitätsförderung besteht somit darin, die Weinberge zu stabilen Ökosystemen umzuwandeln und durch eine nachhaltige Nutzung der natürlichen Kräfte die Terroirqualität zu steigern.
Biodiversität des Bodens und der Bodenbedeckung
1. Die Förderung der Biodiversität im Weinberg beginnt mit der biologischen Aktivierung der Böden. Es wird ausschließlich bioaktive Düngung eingesetzt: Kompost, Kompostextrakte, Kräuterauszüge, Gründüngung, Biokohle, Mulch, BRF. Grundsätzlich verboten sind: Mineraldünger, Düngekonzentrate, Herbizide und Gülle. Viehmist sollte vor dem Bodeneintrag unbedingt kompostiert, zumindest aber 1 Jahr getrocknet werden.
2. Anlage dauerhafter Gründüngung mit Leguminosen in den Rebzwischenräumen. Auf diese Weise entstehen geschlossene Stoffkreisläufe, so dass die Nährstoffversorgung der Reben ohne mineralische Zusatzdüngung sichergestellt wird. Die vielfältige Leguminosenbegrünung sorgt zudem für hohe biologische Bodenaktivität, die Förderung von Symbiosen zwischen Wurzeln und Mikroorganismen, verbesserte Wasser- und Nährstoffspeicherung sowie Erosionsschutz.
3. Ganzjährig geschlossene Begrünung. Es wird eine artenreiche Begrünung mit autochthonen Blütenpflanzen angestrebt. Mindestens 20% der Saatmischung zur Gründüngung sollte aus Pflanzenarten mit Insekten-Blüten bestehen. Insgesamt müssen mindestens 50 Wildpflanzenarten im Weinberg zu finden sein.
Vertikale Biodiversität
4. Anpflanzung von Sträuchern an den jeweiligen Zeilenenden, wo sie die Arbeitsabläufe kaum beeinträchtigen. Kriterien für die Auswahl der Straucharten sind Anziehungskraft für Schmetterlinge und andere Insekten, Nistplatzmöglichkeiten, Wurzelsymbiosen, Nutzung der Früchte. Es werden einheimische Arten eingesetzt.
5. Pflanzung von Hecken als Zwischenlinie in den Reben. Je nach lokalen Gegebenheiten mindestens 2 x 20m geschlossene Hecken pro Hektar. Hecken gelten als biologische Hotspots und eignen sich als Korridore zur Vernetzung ökologischer Flächen. Als natürliches Hindernis bremsen sie die epidemische Ausbreitung von Schadpilzen.
6. Pflanzung von Obstbäumen zur Aufbesserung der vertikalen Diversität. Bäume inmitten einer niederwüchsigen und kaum strukturierten Kulturfläche haben sowohl für Vögel als auch Insekten und andere Tiergruppen eine enorm hohe Anziehungskraft und fördern dauerhaft die Wiederbesiedlung des ökologischen Habitats. Zudem fungieren solche einzeln in den Luftplankton ragenden Bäume als Sporenfänger, von wo aus Hefen und andere Pilze sich im Weinberg ausbreiten können (Vielfalt natürlicher Hefen zur Vinifizierung, Konkurrenz für Schadpilze). Pro Hektar sollte mindestens ein Baum inmitten der Reben und mehrere kleinere an günstigen NE-NW Rändern gepflanzt werden. Von keiner Stelle im Weinberg darf der Abstand zum nächstgelegenen Baum mehr als 50m betragen. Der Verlust an Traubenernte wird durch das geerntete Obst ausgeglichen.
Strukturelle Biodiversität
7. Anlage artenreicher Ausgleichsflächen von mindestens
2 x 20 m2 pro Hektar als Diversitäts-Hotspots sowohl innerhalb,
als auch an den Rändern der Rebparzellen, wo Aromakräuter und Wildblumen
(Ruderalflora, Hochstaudenflur) wachsen.
8. Einrichtung von Strukturelementen wie Stein- und
Holzhaufen für Reptilien und Insekten. Installation von Nisthilfen
für Wildbienen, Insekten, Vögel. Die Nisthilfen können
in die Pfosten der Palisage integriert werden. Die Pflanzenschutzspritzungen
müssen entsprechend bienen- und insektenverträglich zusammengestellt
werden (Verzicht auf chemische Pestizide, aber auch auf Schwefel).
Kulturelle Biodiversität
9. Anbau von mindestens einer Sekundärkultur in den Zwischenräumen der Hauptkultur. Hierbei kann es sich um Gemüse wie Tomaten oder Kürbisse, um Früchte wie Himbeeren oder Erdbeeren, um Wintergetreide wie Roggen und Gerste oder um Aromakräuter handeln, die in den Zwischenzeilen der Reben gepflanzt bzw. gesät werden. Fruchthecken wie Aronia, Sanddorn, Schlehen, die als Zwischenzeilen gepflanzt werden eignen sich ebenso wie Fruchtbaumalleen (Weinbergpfirsich, Pflaume, Mandel, Quitte usw). Zu den Sekundärkulturen gehören zudem Bienen, Schafe, Hühner, Fische und ähnliche Kleintierzucht. Die Flächen, die für die Sekundärkulturen bestimmt werden, müssen groß genug sein, um eine wirtschaftliche Verwertung zu gewährleisten.
Genetische Vielfalt
10. Anstatt alte Weinberge zu roden und komplett neu zu bepflanzen, werden überalterte Weinstöcke jeweils einzeln ersetzt, wobei die Jungpflanzen durch massale Selektion aus dem Weinberg selbst ausgewählt und auf angepasste Wurzelunterlagen direkt vor Ort gepfropft werden. Auf diese Weise wird über mehrere Generationen eine perfekt an das Terroir angepasste Sortenwahl vorgenommen. Die damit erzielte genetische Vielfalt verringert den Infektionsdruck durch Schädlinge, die Weinqualität steigt und auch die Widerstandsfähigkeit gegenüber den herrschenden Bedingungen.
Kommentar: Anstatt ein weiteres Bewertungssystem für
die Biodiversität in der Landwirtschaft aufzubauen, dass so kompliziert
ist, dass die Datenaufnahme nur von Experten durchgeführt werden kann,
haben wir uns mit der Charta für Weinberge in hoher Biodiversität
für einen übersichtlichen Katalog konkreter Maßnahmen entschieden,
deren Umsetzung direkt und nachhaltig zur Förderung der Biodiversität
führt. Die Charta sollte so einfach und nachvollziehbar werden, dass zum
einen den Winzern eine klare Zukunftsvision für ihre Weinberge daraus erwächst
und dass zum anderen selbst fachfremde Besucher der Weinberge rasch erkennen
und sogar kontrollieren können, ob der entsprechende Rebberg wirklich nachhaltig
oder nur biobürokratisch gepflegt wird.
Die Charta, die zeitgleich in mehreren europäischen Ländern veröffentlich
wird, ist das Resultat der angewandten Ökologieforschungen, die in den
letzten fünf Jahren auf den Weinbergen des Delinat-Instituts (Domaine de
Mythopia und Château Duvivier) durchgeführt wurden. Die Charta ist
sowohl Grundlage der Weinbauberatung des Delinat-Instituts als auch Grundlage
der neuen Delinat-Richtlinien, die 2010 in Kraft treten werden.
Gemeinsam mit dem FIBL baut das Delinat-Institut ein Netzwerk von zunächst
12 schweizerischen Winzern und Obstbauern auf, die die Charta ab 2010 umsetzen
werden und deren Ergebnisse zur Verbesserung der Charta und ihrer konkreten
Umsetzungen beitragen werden. Interessierte Winzer und Obstbauern sind eingeladen,
Kontakt mit uns aufzunehmen.